Ein Bild von uns

Kurzgeschichte.

Ich bin nicht schwindelfrei, jammert B beim Aufstieg über die schmale Feuertreppe, weil sie dauernd jammert, so, als wäre das witzig. Oder so, als wäre das Jammern ihr Platz, den sie ausfüllt. Ausfüllen muss. Scheiß dich nicht an, lacht A und steigt immer weiter hinauf, und C sagt gar nichts dazu, weil sie schon längst oben angekommen ist und die Lage checkt. Und die Lage ist leer. Es ist das wohl unspektakulärste Flachdach, das eine mittelgroße Stadt jemals gesehen hat. Kein Regisseur mit halbwegs Verstand im Kopf würde es als Schauplatz für eine noch so unbedeutende Szene aussuchen, wobei natürlich keine Szene unbedeutend ist und selbst in ihrer Unbedeutsamkeit unglaublich bedeutend wäre. Wie wir alle wissen. Die Betoneinfassung, der mit Kies bedeckte Boden und selbst die Aussicht sind langweilig. Der Blick reicht von hier am besten hinauf, in den blauen und von zarten, geisterhaften Weißwoken durchzogenen Himmel, denn unten und rundherum warten nur industrierauchende Rauchfänge, sterile Gewerbehöfe und mit Autos vollgeparkte Unternehmensparkplätze. Hier kräht kein Hahn, und selbst den trägen Tauben, die sich rundum tummeln, scheint die Langeweile aus ihren winzigen Ohrlöchern zu triefen, so müde gurrend staksen sie über die öden Gegebenheiten.

Ich hab was zu trinken mit, sagt A und holt eine Rotweinflasche mit logischem Schraubverschluss aus ihrem Rucksack. Uh, ich trinke um die Zeit nichts, schüttelt B den Kopf, und C sagt zu A, hättest du auch Kinder wie wir, würdest du das auch nicht, woraufhin A sich denkt, ach halt doch deine besserwisserische Fresse und laut sagt: Da hast du wohl recht.

A öffnet die Flasche dann halt nur für sich, und C breitet eine übergroße Decke aus, und B holt aus ihrer Tasche einen Nudelsalat und Pappgeschirr und Holzbesteck. Und eine Thermoskanne mit Kaffee. Allerdings kann ich was zum Rauchen anbieten, feixt C jetzt und die zwei anderen klatschen in die Hände und machen proletoide Jubelgeräusche, und A kann es sich nicht verbeißen, zu fragen, ob Gras denn besser wäre als Alk, aber als Antwort erhält sie von C ohnehin nur ein Schulterzucken und von B einen Teller mit Nudelsalat, denn sie kümmert sich immer gut um alle.

Los geht es mit dem Weißtdunoch und Wisstihrnoch und Könntihreuchnocherinnernals, Herrgott. Und an den Wolken zieht der Himmel vorbei und nimmt den Tag mit sich. Zum Glück hast du die Decke mitgebracht, sagt A, sonst wäre mein Hintern schon durchlöchert von den Kieselsteinen. Und C sagt, kein Problem, und Weißtdunoch und Wisstihrnoch und Könntihreuchnocherinnernals. Irgendwann früher schon mal sind wir auch auf so einem Dach gelegen, aber in einer besseren Stadt, sagt C, und die zwei anderen seufzen wissend und erinnern sich an die Fotosession dort mit der Lomo, die C zu jener Zeit ganz neu erstanden hatte. Sie waren jung gewesen, langhaarig und unfrisiert und gekleidet in Flohmarkt. Und sie hatten von Wüstenvideos britischer Bands mit Hang zu Suizid und Selbstverletzung geschwärmt – denn bitte, wer nicht? Sie waren inmitten ihrer Ausbildungen gestanden und gelegen, die Herzen weit offen trotz aller Verwundungen, und klaffende Risse hatten bereits die ersten Spuren in der Vita hinterlassen und in der Haut. Es war unsicher gewesen und schön, schmerzvoll und frei und grenzenlos, genau so, wie sie es kreiert hatten. Oder?

Nun liegen A, B, C am Flachdach ihrer Potentiale, und recken ihre nicht mehr ganz so flachen Bäuche unter lockerem Leinen und stilvollem Satin dem kaltwarmen Licht entgegen, das jeden Altersfleck am Handrücken aufdeckt und seine Scheinwerfer liebevoll ausrichtet auf die Falten am und im Hirn. Auch gut. Wie faszinierend jedoch, in der Rückschau, wie selbstverständlich es doch schließlich wird, zu leben. Und wie schnell die großen Taten und brennenden Wünsche der kindlichen Achtziger und jugendlichen Neunziger all dem gewichen sind, das offenkundig offen ist und ansteht, jeden Tag, immer was zu tun. Nachts wird geschlafen und vielleicht ein kleines bisschen Sehnsucht gehabt nach Dingen, die es gar nicht gibt. Verdammte Kindheit, verdammte Jugend, verdammtes Dawson’s Creek und verdammte Roseanne, verdammtes MTV und gottverdammte Grungeplakate dünnblättriger und schreiendbunter Heftchen, deren damalige Verlage sich bis heute längst bankrott getippt haben. Und Weißtdunoch und Wisstihrnoch und Könntihreuchnocherinnernals. Wie viel Rebellion steckt in low carb, da fragt man sich ja ehrlich, wenn nur die Zeit bliebe. Denn irgendwann am Weg zwischen Jungsein und Sichimmernochjungglauben hat sie sich mit eingezogenem Kopf aus dem Staub gemacht, die Zeit. Und die Lederjacke im countrystylishen Ikea-Kasten – hübsch aufgehängt neben diversen Marken und Stoffen und Rechnungen von der Reinigung (der Reinigung! der Reinigung? ernsthaft?) – also, die Lederjacke ist ein Massenfabrikat, auf das man sich nicht mal RIOT draufzuschreiben getrauen würde, wenn man den passenden Textilstift dafür nicht sowieso schon längst somewhere over the rainbow in den Kinderbastelsachen verschustert hätte. Darlene würde kotzen, und zwar gleich hier vom Dach runter.

Und apropos.

Denn: Mir ist ur schlecht, sagt B jetzt. C streckt sich parallel dazu genüsslich auf der Decke aus, das Gesicht hinauf zur Sonne, einen Arm schützend über die geschlossenen Augen gelegt. Das tut mir leid, sagt sie, ich fühl mich wohl. Vielleicht verträgst du es einfach nicht? Es ist versprochen kein Scheiß, es ist von meinem Nachbarn, und der ist ein Guter. Kann ich noch einmal anziehen, fragt A jetzt, kniet sich neben B. Nimmt ihr den Joint ab und einen Zug. Und gibt ihn dann gleich an C weiter und steht auf und geht langsam bis zum Rand des Flachdachs und schaut hinunter und schaut hinter sich, zu ihren jahrzehntelangen Freundinnen, und dann wieder hinunter.

Tu es nicht, ruft B in gespielt melodramatischem Tonfall, und alle lachen, vor allem A, denn die ist betrunken und stoned. Die anderen sind einfach nur satt und stoned. A ist niemals satt. Wenn sie auch Kinder hätte, wie die anderen, wäre sie das vielleicht.

Eventuell auch nicht.

Erst als sie springt, merkt sie, dass sie kurz eingenickt war. Denn erst als sie springt, wacht sie auf, mit einem Ruck. Mit einem rasenden Herzen und dabei einen einzigen erschrockenen Pfeiflaut ausatmend. Und sieht erleichtert, dass sie immer noch auf der Decke liegt, die sie sich mit zwei Frauen und einer Schüssel Essen teilt. Das ist das Leben, jetzt. Ein ganzes Stück abgeflacht, hochgelagert, langweilig und gealtert, ja. Gereinigt, gebügelt, verbastelt. Aber doch ist es das Jetzt. Und viel zu schade, um davon abzuspringen. Oder?

Und weißtdunoch und Wisstihrnoch und Könntihreuchnocherinnernals. Und wollen wir ein paar Fotos von uns machen, fragt A jetzt, wenn auch nur fad mit dem Handy? Fad ist nicht nötig, sagt C, setzt sich fröhlich auf und zieht ihre alte Lomo aus dem Rucksack. Jö, sagt B, und A setzt sich zwischen B und C. Und C mit ihrem laaangen filigranen Arm hält die Kamera so weit weg von ihnen wie nur möglich. Und schießt dann ein Bild von uns für die Ewigkeit. Oder zumindest für die nächste Dekade. Oder zumindest für heute.

Wer weiß das schon.

© Althea Müller, 2021/22

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